Irreführendes Cybermobbing und Bildschirmzombies

Cybermobbing und Bildschirmzombies

Die “attention economy” hat uns fest im Griff. Unsere Gesellschaft scheint eins zu sein mit der digitalen Paralleldimension. Was hat das für Auswirkungen auf unsere Kinder und ihr Verhalten? Psychologin Elizabeth Englander erklärt im Podcast Note To Self, wie wir Kindern einen bewussteren Umgang mit Medien lernen können. Eine kurze Zusammenfassung.

Wie können wir Cybermobbing besser verstehen? Eine Methode ist es, die Kinder direkt über ihr Online-Verhalten zu befragen. Die Kinder sollen angeben, wie sie sich im Internet bewegen. Also, wie ihr Verhältnis online mit anderen Kindern ist, ob Klassenkameraden im Internet gemein zu einem waren und ob sie online schon einmal gemobbt wurden. Das Problem an dieser Methode: Der Vergleich zur realen Welt geht verloren.

Nehmen wir an, jemand schiesst von dir ein unvorteilhaftes Foto während dem Essen und schickt das an andere Leute. Ist das nun fies oder lustig? Psychologin Elizabeth Englander erklärt im Podcast, dass es einen grossen Unterschied macht, wie du sozial in der Gruppe integriert bist. Bist du beliebt und hast viele Freunde, hast du auch eher ein grosses Selbstvertrauen und findest das Foto vielleicht lustig oder du konterst mit einem Witz. Andersrum kann dich das Foto verletzen, wenn du sozial nicht so gut integriert bist und in der Vergangenheit vielleicht schon einmal gemobbt wurdest.

Erst wenn der Kontext richtig aufgenommen wird, können auch Taten im Internet besser verstanden werden. So kann die kleinste Stichelei in einem WhatsApp-Chat eine grosse Auswirkung auf ein Individuum haben. Das Wort Cybermobbing ist deshalb irreführend, weil sich das Mobbing meist nicht auf Onlineaktivitäten beschränkt. Aber sie verstärken das Problem.

Wie können wir dieses Problem in den Griff bekommen? Bleiben wir bei den Kindern. Sie müssen verstehen, wie mit Problemen und unangenehmen Situationen umgegangen werden kann. Man kann sie zum Beispiel fragen, ob es Situationen im Leben gibt, bei denen es besser ist, sich physisch gegenüber zustehen, um etwas zu diskutieren, anstatt auf Instagram öffentlich Dampf abzulassen.

Viele Kinder verstünden dies bereits. Hier soll man ansetzen, meint Englander. Man könne mit ihnen Situationen durchgehen, die sie entweder schon erlebt haben oder die noch auf sie zukommen könnten. Zusammen mit ihnen könne man dann Strategien entwickeln und zum Beispiel herausstreichen, wie wichtig “richtige” Freunde (also nicht die Instagram-Followers) sind.

Wie beeinflussen Social Media und Games unsere Kinder?

Das Thema wird breit diskutiert und es gibt unterschiedliche Studien, die den Einfluss von Computerspielen auf Kinder untersuchen. Laut der Psychologin Elizabeth Englander ist es schwierig, generelle Aussagen zu treffen. Dennoch gibt es eine Art Grundfragen, die sich Eltern stellen können. Wieviel Zeit verbringt mein Kind mit gamen? Wie wird es davon beeinflusst und wie reagiert es darauf? So unterschiedlich Kinder sind, so unterschiedlich ist auch der Einfluss von Games und digitale Kommunikation im Allgemeinen auf sie. Ein Kind, das sechs Stunden pro Tag Fortnite spielt, hat wahrscheinlich kaum Zeit, sich mit Freunden zu treffen. Das heisst, es ist vermutlich sozial nicht so gut integriert in der Schule.

Ein weiteres Beispiel im Podcast sind YouTube-Videos. Der Sohn einer Freundin der interviewenden Journalistin hat sich innerhalb von wenigen Tagen extrem verändert. Seine Mutter hat beobachtet, dass die Videos wegen des Algorithmus’ immer aggressiver und gewalttätiger wurden. Dies wurde bereits mehrfach beobachtet, dass der Algorithmus von YouTube darauf ausgelegt ist, dass vorgeschlagene Videos immer extremer werden, um uns länger an den Bildschirm zu binden. Dies sei ein klassisches Beispiel, wie Eltern ihre Kinder beobachten und mit der Situation überfordert sind. Dabei kommt es laut Elizabeth Englander darauf an, wie alt das Kind ist. Einem siebenjährigen Kind kann man ganz einfach verbieten, die Videos zu schauen und ihm erklären, dass der Inhalt nicht für sie oder ihn geeignet ist.

Schwieriger werde es mit Jugendlichen – besonders mit Volljährigen. Hier ist das Erklären wichtiger. Man kann ihnen die eigene Beobachtung aufzeigen und nachfragen, wieso sich er oder sie so verhält. Auch können Fachpersonen, welche sich mit solchen Themen immer mehr auskennen, helfen.

Eine wichtige Frage kommt im Podcast gegen den Schluss auf. Wieso sind Kinder gefühlt 24 Stunden am Handy und wie kann ich mein Kind dazu bewegen, mehr offline zu sein? Man muss sich die Apps genauer anschauen. Social Media-Plattformen und auch Gaming-Apps sind dazu programmiert, damit sie in gewisser Weise süchtig machen. Kinder und Jugendliche davon loszubringen ist deshalb schwierig. Englander empfiehlt, sich dies bewusst zu werden und mit den Kindern darüber zu sprechen. Frag sie: Weisst du, was diese Apps wollen? Meist kommt dann als Antwort, dass das nette Leute seien, die wollten, dass Kinder Spass haben. Hier kann man sie aufklären und zeigen, dass sie uns aus einem einzigen Grund “manipulieren” wollen: um Geld zu machen.

Die Tipps der Psychologin Elizabeth Englander im Podcast Note To Self leuchten ein. Sie sind allerdings zum Teil sehr generell. Wie mit vielem im Leben gibt es keinen Mittelweg, sondern Eltern müssen ausprobieren, worauf ihre Kinder am besten anspringen. Der Podcast gibt in diesem Sinne interessante Ideen und Hilfestellungen, wie Kinder dazu bewogen werden, mit Medien bewusster umzugehen.

Note To Self-Podcast zum selber hören (ab 5:20):

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